Kursbericht - Expeditionsmedizin für Alpinärzte 2015

Eiszapfen

von Kathrin Genta und Manuela Aspalter

„Aaaaabstaaaaand!“, der bayrische Urschrei schallt wieder vom Berg herunter. Trotz seiner hünenhaften Statur schafft es Bergführer Jan Mersch zum wiederholten Male nicht, die zwei Teilnehmer mit den Zwillingsskiern zur Einhaltung der geforderten ein bis zwei Skilängen Abstand zu ermahnen. Ein Teilnehmer aus der schönen Bodenseegegend, von dem böse Zungen behaupten, er sei im wirklichen Leben eigentlich selbst ein Bergführer und nur in zweiter Linie Unfallchirurg, ist nach zwei Nächten auf über 3000 m und drei Viertausendern einfach nicht mehr zum Stoppen. Die Aussicht, gleich stundenlang ein Biwak auszubuddeln, scheint ihn nur noch mehr zu beflügeln!

Aber jetzt alles noch mal von vorne

Am 11. April haben sich auch heuer wieder 18 ambitionierte Mediziner und Medizinerinnen zur Teilnahme am diesjährigen „Speziallehrgang Expeditions- und Wildernessmedizin für Alpinärzte“ der BExMed in Herbriggen im malerischen schweizerischen Wallis eingefunden.

Der erste Willkommensgruß an der Rezeption des Hotels Bergfreund erfolgte traditionsgemäß durch Rosi, der „Chefin“ höchst persönlich, mit ihrer unnachahmlichen Herzlichkeit. Diese tröstete über den eher mäßigen Empfang durch das Walliser Wetter hinweg. Die Zimmerzuteilung erfolgte völlig unproblematisch durch Rosi und ihr Team, der Beginn vieler Freundschaften!

Ebenfalls am Anreisetag offenbarte sich, dass diese Kursausgabe unter einem besonders guten Stern stehen sollte… War es doch das erste Mal, dass bereits sämtliche 18 Teilnehmer pünktlichst (trotz der Wartereien an den diversen Verladestationen, die NICHT immer wie ein Schweizer Uhrwerk ticken) um 13 Uhr nach Herbriggen gefunden hatten. Zumindest waren das die lobenden BeBegrüßungsworte unseres Junior-Kursleiters Dr. Ulrich Steiner, oder kurz Uli. Diese Gruppendisziplin sollte sich (mit den kleinen o.g. Ausnahmen) auch wie ein militärfarbener Faden durch die Kurswoche ziehen. Schon erstaunlich angesichts des bunt zusammengewürfelten Haufens von Expeditionsmedizineraspiranten unterschiedlichster Herkunft, Alters, Fachrichtung, alpinistischer Erfahrung und last but not least mit einer einmaligen Frauenquote von 36%! Einen beruhigenden Einfluss (hauptsächlich auf letztere Fraktion) hatte unumstritten das äußerst charmante und einfühlsame Team der Bergführer: Peter Albert, Dipl.-Psych. Jan Mersch und Hajo Netzer und natürlich auch Dr. Ulrich Steiner, welche uns zuerst mit tollen Erfahrungsberichten beeindruckten und schließlich mit sicherer Hand durch die 4000er der Walliser Bergwelt führen sollten.

Nachdem wir uns also kurz einander vorgestellt hatten, ging es gleich in medias res: In kleinen, ständig bunt durchmischten Gruppen wurden höhenmedizinische Themen und Fragestellungen anhand von Fallbeispielen ausgearbeitet und anschließend im Plenum diskutiert; eine willkommene Abwechslung zu den üblicherweise von Frontalvorträgen gezeichneten Medizinerkursen. Genau das entspricht dem Stil des senior consultant und Kurshäuptlings Dr. Wolfgang Schaffert: Äußerst kommunikativ! Nach einem gemütlichen Abendessen und Schlussvortrag durch Wolfgang war die ungestörte Nachtruhe schließlich nur mehr eine Funktion des Lautstärkepegels des schnarchenden Mitbewohners.

Und der nächste Morgen kommt bestimmt… irgendwann!

Abtransport mit Biwaksackverschnürung
Abtransport mit Biwaksackverschnürung

Nach dem Frühstück wurden weitere Lernziele zu juristischfinanziellen Aspekten bei der Expeditionsteilnahme eines Mediziners bis hin zu traditionellen Expeditionsthemen wie Höhentaktik, Akklimatisation und Reise- und Tropenmedizin erarbeitet.

Anschließend war die Stimmung zunächst mal am Tiefpunkt, wurde uns doch allen klargemacht, dass die Tätigkeit als Expeditionsmediziner angesichts des enormen Risikos und Zeit- und Geldaufwandes weder sozial noch finanziell anständig remuneriert wird. Unser einfühlsames Betreuerteam hatte diese emotionalen Nöte natürlich schon perzipiert und einen Ausflug durch das nun sonnengeflutete Nikolaital Richtung Zermatt geplant.

Der erste Blick auf das weltberühmte Schokolade-formende Matterhorn hat einfach Gänsehautgarantie! Und der Besuch der Air Zermatt ließ sämtliche Alpinärzteherzen höher schlagen. Oder wer träumt nicht insgeheim davon, einmal selbst als Notarzt am sprichwörtlich aussichtsreichsten Arbeitsplatz der Welt zu agieren? Nachdem herrliches Flugwetter herrschte, war am Stützpunkt auch reges Treiben mit einem ständigen Kommen und Gehen der Fluggeräte. Flugrettungssanitäter Andreas erklärte sich trotz sonntäglicher Ruhepause bereit, uns die verwendeten Geräte ausführlich zu erklären. Bei so viel Motivation machten auch wir uns anschließend am Übungsgelände gleich hinter dem Hangar an die Arbeit: Unsere Kollegen mussten schließlich an der losen Rolle aus der fiktiven Gletscherspalte gezogen und dann im Biwaksack-Nuss-Wrap abtransportiert werden!

Soviel Spiel und Spaß macht durstig, und außerdem wollten wir ja noch unsere Fränkli unter die Zermatter bringen, in kühles Bier an der sonnigen Terrasse mit Blick auf den Tobleroneberg klingt kitschig, war es auch! Mit glühenden Wangen und leeren Brieftaschen ging es im hoteleigenen Taxibus retour in das uns bereits total heimelig gewordene Hotel Bergfreund, wo uns Hotelmama Rosi wieder mit Schweizer Hausmannskost verwöhnte. Den Abend rundete Bergführer Jan mit einem spannenden Expeditionsbericht über Bergsteigen in Pakistan und die Ogre-Expedition 1999 ab.

Hinauf zum Kleinen Matterhorn

An Tag 3 bekamen wir dann endlich den langersehnten Frühlingsschnee unter unsere Skitourenlatschen: Mit der ersten Bahn ging es hinauf zum Kleinen Matterhorn, in etwas mehr als einer halben Stunde werden über 2000 kurzweilige Höhenmeter zurückgelegt, gespickt mit lebhaften Diskussionen über die wahrhaftige Schokoladenseite des Matterhorns und Messners legendären Gletscherkiosk.

Tiefschneeabfahrt

Oben angekommen war dann erst mal Schluss mit lustig: Die Pulsoximeter wurden gezückt und die Kursteilnehmer nacheinander auf einen 200m-Lauf geschickt. Das Fiese an der Geschichte war, dass die Strecke zunächst leicht abfiel. Es wurde also leichtfüßig drauflosgetrabt, bis zum Umkehrpunkt konnte ich auch noch recht gut mit meinen männlichen Vorläufern mithalten, wurde dann relativ nonchalant abgehängt und kroch schließlich die letzten Meter förmlich Richtung Flaggen- und Pulsoxihalter Uli. Bei meiner gemessenen Herzfrequenz von knapp 200/min und Sauerstoffsättigungen um die 80% schien er sich kurz Gedanken über eine Reanimationssituation am Fuße des Breithorns zu machen, aber nach kurzer Erholungspause waren dann alle wieder fit und wir marschierten aufgeteilt in kleineren Gruppen auf unseren ersten Viertausender (4.159 m) dieser Woche. Nach diesem ersten Gipfelglück war großes Schaulaufen angesagt: Jeder einzelne Breithorn-Schwung oder eben Beinahe-Schwung wurde von den Bergführern mit Argusaugen beobachtet und schließlich am Fuße des Gipfelhangs mit einem „GO!“ oder „NO-GO“ quittiert. Bestand man die Prüfung, durfte (oder musste??) man mit auf die Schwarztor-Abfahrt, eine über knapp 2000 Höhenmeter führende Geländeabfahrt vor spektakulärer Gletscherkulisse mit ebenso spektakulären Schwierigkeiten wie das Umfahren von Spalten und Eiswassertümpeln. Die tapferen Helden dieser Abfahrt wurden schließlich in Zermatts zweitbester Après-Ski-Hütte mit einem kühlen Blonden und heißen Apfelkuchen belohnt. Und so saßen wir da, mit einem Panasch und einem breiten Grinsen bewaffnet, und dem „sauguaten“ Gefühl, dass man bereits an Tag 3 so ziemlich alle Superlativen einer Skitourenwoche erlebt hatte.

Als Betthupferl gab Uli noch untermalt mit ausdruckstarken Bildern Geschichten aus seinem Expeditionsschatz preis. Dann endlich rasteten die Wadeln und rauchten die Köpfe über der logistischen Meisterleistung, das Material für einen dreitägigen Hüttenaufenthalt inklusive Kletter-, Skitourenund Biwak-Ausrüstung in einen maximal 45l-Rucksack zu packen. Das Ergebnis dürfte am nächsten Tag selbst den hartgesottensten Bergführen sämtliche Haare zu Berge gestellt haben: Mit an den Rucksäcken baumelnden Isomatten und zu Plastiktüten umfunktionierten Müllsäcken und Handtäschchen an jeder freien Extremität wankten wir Richtung Alpin Express in Saas Fee. Unsere Bergführer meinten es trotz dieses Auftritts noch gut mit uns und organisierten ein Zwischendepot im Bergrestaurant Felskinn, sodass wir dann sichtlich erleichtert den Aufstieg aufs Allalinhorn (4.027 m) in Angriff nehmen konnten. Die aufziehenden Wolken setzten dieses Gipfelerlebnis in ein gänzlich anderes Licht als tags zuvor, aber zumindest sämtliche Wettersorgen erwiesen sich spätestens bei der anschließenden Fixseilübung als gänzlich unbegründet. Unter strahlendem Sonnenschein durften sich sämtliche Kursteilnehmer in dem äußerst motiviert gesetzten Fixseil-Parcours am Egginerjoch einmal fühlen wie die Hu(a)bers und Kaltenbrunners dieser Welt.

Nach dem Einzug in die Britanniahütte kam mit Blick auf die in der Abendsonne schwelgenden Viertausender bei den biertrinkenden Terrassenhockern beinahe Romantik auf. Ja, wir waren angekommen.

Gipfelglück bei herrlichem Sonnenschein

steiles Eis

In den frühen Morgenstunden des Mittwochs, nach einer kuscheligen Nacht im Großraumlager mit nun sogar mehrstimmigem Konzert der Schlafapnoiker, wurde eine erste Großgruppe unter der Führung von Hajo und Peter Richtung Alphubel (4200 m) abgesetzt. Weitere zwei Gruppen machten sich beinahe zeitgleich auf dem Weg zum Strahlhorn (4190 m). Bei herrlichem Sonnenschein und besten Verhältnissen kamen alle Teilnehmer voll auf ihre Kosten mit abschließendem Gipfelglück! Manche mussten gar in ihrem Gipfelsturm gebremst und von Uli ans kurze Seil genommen werden.

Am frühen Nachmittag kehrten alle Gruppen wieder wohlbehalten zur Britanniahütte zurück. Nach dem schweißtreibenden Hüttenschlussanstieg musste zunächst einmal der große Durst gestillt werden. Um dem vermeintlichen müßigen Gelage in der prallen Gletschersonne und den bereits aufsprießenden Bränden und Blitzen gegenzusteuern, hatten unsere Organisatoren bereits mit einem sehr beachtlichen Programmpunkt vorgesorgt: Sämtliche Teilnehmer wurden in die kühle Gaststube bugsiert. Hier durften wir Bergführer und Dipl.-Psych. Jans „inneres Team“ kennenlernen: In beeindruckender Manier führte uns Jan Mersch in die Psychologie der Expeditionsmedizin ein und schaffte es, uns mit wenigen, nachvollziehbaren Techniken Einblick in Gruppendynamiken und auch in unsere eigenen inneren Notwendigkeiten zu geben. Durch das Teilen unserer eigenen Erfahrungen mit der Gruppe konnten wir den bereits zu diesem Zeitpunkt außergewöhnlichen Zusammenhalt weiter stärken und Strategien für zukünftige Ausnahmesituationen entwerfen.

Obwohl Bier auf der Britanniahütte dosisbezogen billiger ist als Wasser, machte sich das Gros der Gruppe frühzeitig auf zur Nachtruhe. Denn was am nächsten Tag folgte, sollte sämtliche bis dato getätigte Anstrengungen sprengen…

Nachdem alle (Muskel)Bäuche noch mal mit Nutella gestärkt worden waren, machte sich die Gruppe bei noch weitestgehend stabilen Wetterverhältnissen in Richtung Biwak-Platz auf. Zunächst demonstrierten wir noch eine ausgeprägte Lernfähigkeit, hatten plötzlich sämtliche Notwendigkeiten für das Überleben unter fast freiem Himmel doch noch in unseren Rücksäcken Platz gefunden! Nur das Mit-dem-Abstand-Halten wollte einfach nicht so wirklich klappen. „REINHOLD*!!“ (*Name von der Redaktion geändert) „Eineinhalb Skilängen Abstand!!! Wie KURZ sind deine Ski? Kruziffff….“ Abgesehen von diesen kleinen aufmunternden Zwischenfällen wälzte sich die Menschenschlange behände die Gletscherhänge hinauf, um anschließend unter sachkundiger Anleitung durch das Bergführerteam mit den Grabungsarbeiten zu beginnen. Sichtlich schockiert nahmen die Bergführer und somit Erbauer des designierten Hauptbunkers wahr, wie die Mädels nach nur eineinhalb Stunden Bauzeit ihr Hab und Gut Richtung Sherpa-Dome zum scheinbaren Einzug schleppten.

Schließlich trat auch, noch während die Arbeiten in vollem Gange waren, die angekündigte Wetterverschlechterung mit Schneefall und kaltem Wind ein. Nichtsdestotrotz konnten alle Höhlen rechtzeitig bezogen werden, das Latrinenteam hatte seine Arbeit zur Zufriedenheit vor allem der weiblichen Teilnehmer abgeschlossen, und Schafferts Meisterwerk, die Bar, war schon voll funktionsfähig. Und somit köchelten unter leichtem Schneefall und Kühlschranktemperaturen unsere Gaskocher heiß, um uns mit saftigen Tütensnacks und herzhaftem „Speck und Kas“ doch noch warm ums Herz werden zu lassen. Und spätestens als uns unsere Häuptlinge ihr bayrisches Kulturgut und Gesang zum Besten gaben, war das Kältezittern längst in gemütliches Schunkeln übergegangen! Irgendwann zu späterer Stunde gingen dann auch im Sherpa-Dome die Lichter aus und unter konsequenter Anwendung des Pinguin-Rotations-Prinzips kamen die Schläfer unter der höchsten Biwakkuppel zu einer mehr oder weniger geruhsamen Nacht.

Am nächsten Morgen wurden wir dann ganz romantisch durch das Gegurgel des Gaskochers aus dem Schlaf geholt. Ganz ehrlich, abgesehen vom idealen Kalorien-pro-Gramm-Quotienten kann man dem Fertigtütenfutter eigentlich nicht viel abgewinnen. Aber es wärmte und machte uns fit für die Herausforderungen des angebrochenen Tages. Bei zunehmender Verschlechterung der Witterungsverhältnisse wurde nämlich einstimmig beschlossen, den geordneten Rückzug über den Mattmark Stausee in Richtung Saas Almagell anzutreten. Und so schlängelten wir uns in alter Skikursmanier langsam aber sicher durchs Schneegestöber die letzte Abfahrt hinunter; auf Höhe des E-Werks ging der Schnee in Regen und die Abfahrt in Schneefeldund-Asphalt-Rutschen über. Schließlich wurden wir alle müde, durchnässt und aromatisch von Rudi und Köbi eingesammelt und heil in unsere Basisunterkunft ins Hotel Bergfreund retour kutschiert.

Im Anschluss an die wohlverdienten Waschungen und gediegene Körperpflege wurde der theoretische Teil des Kurses mit einer Einschulung in die richtige Verwendung des CERTEC-Bags und des WENOLL-Sauerstoff-Systems abgeschlossen. Bergführer Hajo führte uns in seinem Bericht über eine dramatische Rettungsaktion am Cho Oyu nochmals die tatsächlichen höhenmedizinischen Bedrohungen im Bereich des Extrembergsteigens vor Augen. Bevor jedoch der Kurs mit einer Feedback-Runde offiziell endete, wurden die Teilnehmer bei einer Alphornvorführung von Rudi und seiner Begleitung auf den bevorstehenden „Schweizerischen Abend“ eingestimmt. Unmittelbar danach mussten wir uns leider von Rosi und Rudi verabschieden, die den ihrerseits wohlverdienten Frühlingsurlaub mit einer Reise nach Paris antraten.

Abschied am nächsten Morgen

Der inoffizielle Abschluss des Kurses fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit viel geschmolzenem Käse und anderen Flüssigkeiten zu Peters Partysound in der Hotellobby statt.

Dementsprechend und im wahrsten Sinne wolkig bis trübe war dann der Abschied am nächsten Morgen, das Endorphin-Loch war gemäß der Wahnsinnswoche, die wir gemeinsam verleben durften, sehr tief! Aber was uns auf
unseren Sternfahrten nach Hause blieb, war ein wertvoller Erfahrungsschatz, viele gute Kontakte, und großartige neue Freundschaften, die wir sicher und überallhin mit uns weitertragen können.

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